Mein persönlicher Künstler der Woche: Mark Lombardi

Scan of the front cover of "Global Networks." Published by Independent Curators, Inc.; August 2003. ISBN: 0916365670, Image from: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Global_networks_front_cover.jpg
Seine Geschichte klingt schon fast zu fantastisch um wahr zu sein: Ein studierter Kunsthistoriker arbeitet so lange so gründlich nicht nur an seinen Recherchen selbst, sondern auch an deren Visualisierung, daß die entstandenen Diagramme selbst als Kunstwerke anerkannt und ausgestellt werden. Jahrzehntelang beschäftigt er sich mit den (v.a. personellen) Verquickungen und Verknüpfungen des globalen Finanzmarkt mit sich selbst, Regierungen, der Mafia, dem Vatikan und weiteren anscheinend schwierig zu trennender Institutionen.
„Dass der Mann kein Verschwörungstheoretiker war, sondern im Gegenteil detektivisch genau recherchierte, beweist die Wirkung seiner Bilder. Ein Journalist des Wall Street Journal, der über die Bush-bin-Laden-Connection recherchierte, soll geschlagene vierzig Minuten vor einer Grafik Lombardis verbracht haben und immer wieder »Oh, mein Gott« gemurmelt”
in: Süddeutsche Zeitung vom 16. Januar 2004
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wenige Tage nachdem er in der PS1 Gallery in New York eine große Ausstellung eröffnet hat, nimmt er sich – nach offizieller Meinung – das Leben. Wie bei jeder guten Verschwörungstheorie kann man auch bei diesem Fall nicht sicher sein, was wirklich passiert ist. Klar ist aber, das keiner seiner Freunde und Bekannten die Polizei-Version vom Freitod glauben mochte und auch die Theorie "Verzweiflung wegen zuviel Erfolg" als Grund nur wenig plausibel erscheint. In den Zeitungsberichten zu seinem Tod wurde jedenfalls (auch in Deutschland, siehe TAZ und Süddeutsche) der Selbstmord nicht angezweifelt.
Die größte Anerkennung seiner Arbeit aber kam in Form der letzten großen Pointe seines Schaffens, wenn auch erst 1 Jahr nach seinem Tod: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde das FBI bei seinem Galeristen vorstellig und verlangte Einblick in seine Arbeiten, da anscheinend niemand — auch das FBI selbst nicht – einen so guten Überblick über die globalen Finanzströme zusammengetragen hatte wie Lombardi mit seinen Index-Kärtchen, Skizzen und Grafiken.
Die Antworten von Künstlern auf die Frage "Geld oder Leben?" sind also noch weiter gefächert als wir bisher von der Oberfläche gekratzt haben: Lombardis Lebenswerk war es, aus dem Wesen des Geldes Kunst zu machen – doch schließlich hat es ihn das Leben gekostet.
Weiterlesen:
- Wikipedia (English): Mark Lombardi
- Wikipedia (Deutsch): Mark Lombardi
- Pierogi Gallery Brookly:
- Wburg: 19-seitige Bildbesprechung "'George W. Bush, Harken Energy and Jackson Stephens', c. 1979-90, 5th Version (1999)"
- "Malen nach Skandalen", Nachruf in der TAZ
- MoMA Collection: Mark Lombardi
- Radiobeitrag von NPR (2003), Interview mit Robert Hobbs, Kurator der Lombardi-Ausstellung "Global Networks
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